Der Sammler und der Verlust

Im digitalen Zeitalter haben sich die Sammler rapide vermehrt und zugleich verringert. Eine Umschichtung der Sammelleidenschaft hat rasant ihren Weg aufgenommen, denn der analoge Sammler stirbt langsam aus, doch der digitale Sammler steckt in fast jedem von uns.

Doch was bedeutet dies nun genau, wie könnte eine Definition für analoge und digitale Sammler lauten?

Versuchen wir es mal auf dem klassischem Wege, der analoge Sammler ist zum Beispiel der eifrige Mensch, der Briefmarken sammelt und sie hegt und pflegt wie sonst noch was. Die einen erhoffen sich irgendwann einen Gewinn, durch die eine oder andere Rarität, aber es gibt auch diese, die einfach Spaß und Freude an diesen minimalistischen Kunstwerken der Drucktechnik haben. Der digitale Sammler ist der, der genau jetzt diesen Beitrag liest, denn er sitzt an einem Computer oder hat zumindest ein mobiles Endgerät, mit dem er diesen Beitrag hier liest. Ja genau du, du bist ein digitaler Sammler, denn schau doch mal genau hin, was lädst du vielleicht täglich runter? Musik, Bilder, Filme oder auch einfach mal interessante Artikel in Form eines PDFs oder Anleitungen oder die Fotos der letzten Party, Feier oder dem Klassiker: Urlaub. Wer kann wirklich von sich behaupten, das er nicht das eine oder andere auf seiner Festplatte, irgendwo herumliegen hat?

Dann gibt es natürlich noch die digitalen Sammler, die ihre Funde gerne und bereitwillig mit anderen teilen, sei es die Familie, Freunde, der Bekanntenkreis, Arbeitskollegen, Geschäftspartner oder einfach allen Menschen die Interesse haben. Diese sind heut zu Tage auf vielen Plattformen im Internet zu finden, nennen wir mal die aktuellen Platzhirsche, Facebook und Twitter.

Die zahlreichen anderen Plattformen scheinen momentan entweder auszusterben oder versuchen mit neuen Geschäftsmodellen ein Stück vom Kuchen abzukriegen.

Denn sind wir mal ehrlich, aktuell ist es so, daß wir viel viel mehr als früher unsere persönlichen Funde mit der ganzen Welt teilen wollen. Und uns auch sehr oft auf die unterschiedlichen Dienste verlassen und im Extremfall annehmen, warum sollte ich mir den Stress auf meiner Festplatte machen, wenn ich doch online alles sauber und unkompliziert präsentieren kann und gleichzeitig meinen Interessenten zur Verfügung stelle?

Die Rechnung geht soweit auch auf, doch nur so lange die Plattform existiert oder ihr ursprüngliches Konzept beibehält.

Zwei aktuelle Beispiele, einige kennen bestimmt die sogenannten Bookmarking-Dienste, diese erlauben es durch entsprechende Erweiterungen in Browsern, seine Lesezeichen nicht nur lokal im Browser zu speichern, sondern global innerhalb eines persönlichen Profils. Vorteil ist es schlichtweg, daß ich jederzeit und überall auf meine Lesezeichen zugreifen kann und somit unabhängig von meinem lokalen Standort bin, an dem mein Rechner angeschlossen ist. Im Prinzip eine schöne Sache und im Laufe der Zeit sammelt jeder unzählige Bookmarks, doch was passiert, wenn man plötzlich eines Tages keinen Zugriff mehr auf diese hat oder innerhalb eines kurzen Zeitraums sich darum kümmern muss, diese auszulagern oder gar doch wieder in den lokalen Browser zu integrieren?

Der Verlust steht unwillkürlich bevor, der Verlust von jahrelangen Sammeln digitaler Inhalte, aktuell zum Beispiel der deutsche Bookmarking Dienst Mister Wong. Dieser verkündet, daß er sich neu ausrichten wird und vom klassischen Bookmarking-Dienst, bedrängt durch Facebook und Twitter, sich zu einen Document-Sharing-Dienst wandeln wird.

Ähnliches ist es auch mit dem ehemals besten online RSS-Reader-Dienst Bloglines geschehen, wobei es hier noch schlimmer ist, denn der komplette Dienst wird eingestellt und man hat ein gewisse Zeitspanne um seine Inhalte zu exportieren und in anderen Diensten wieder zu importieren. Auch hier droht von heute auf morgen ein Verlust der digitalen Sammlung!

Was passiert morgen, vielleicht mit Flickr (das derzeit größte Bild- und Fotoportal) oder YouTube, nicht auszudenken, wenn Facebook plötzlich nicht mehr existent wäre. Schon vor einigen Wochen, als Facebook einige wenige Stunden offline war und das auch nur für eine verhältnismäßig kleine Gruppierung von Betroffenen, wurde schon von Sodom und Gomorrha in der IT-Presse geschrieben.

Die Abhängigkeit von digitalen Diensten, speziell im privatem Bereich, steigt stetig an und man vergisst, nein man verlernt sogar, wie es ist seine Datensammlungen selber zu organisieren und zu pflegen. Man will das Feedback von fremden Personen haben, man will ein Teil der Netzkultur sein und man verkauft indirekt seine Seele an wildfremde Unternehmen und Mechanismen, die man nicht einmal ansatzweise versteht.

Ganz zu schweigen von möglichen Datenschutz Problematiken, Persönlichkeitsrechte oder einfach dem Urheberschutz, dies alles wird von uns täglich mit Füßen getreten obwohl es uns als Mensch schützen soll, eine groteske Situation im digitalen Zeitalter und dies ist erst der Anfang.?

Letztendlich geht die Wertigkeit für uns persönlich einfach auch verloren und die Briefmarke ist der Gewinner :)

Update

Die nächste Plattform die ihre Pforten endgültig schließt, Videocommunity ein Ableger der deutschen Fotocommunity Plattform.

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